Rückblick auf 328 Jahre
Hohe Schule

Dr. Dr. Gerd Treffer

Als am 26. Juni 1472 die erste Universität Bayerns in Ingolstadt gegründet wurde, war sie die elfte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Rasch zählte sie 600 Studenten und 40 Doktoren und Magister, gehörte bis zum 30-jährigen Krieg (mit Leipzig, Erfurt, Wittenberg und Köln) zu den „großen deutschen Universitäten“ (mit mehr als 400 Studenten).

Die Studenten kamen zunächst aus umliegenden Regionen, als sich dann der Ruf der Universität herumsprach, strömten ihr Studenten aus den osteuropäischen Ländern und zunehmend auch aus Regionen mit alteingesessenen Universitäten zu. Die Matrikel belegt, dass Franzosen, Spanier, Schweizer und Engländer als Studenten wie Dozenten nach Ingolstadt kamen.

Universitätsbibliothek Hohe Schule
© Universitätsbibliothek der LMU München, Cim. 17

Die Bayerische Landesuniversität bewies rasch, dass sie machtvoll im europäischen Geistesleben mitzureden im Stande war. Kein geringerer als der deutsche Erzhumanist Konrad Celtis setzte mit seiner berühmten Rede von 1492 vor Professoren und Studenten ein Fanal des Humanismus in Deutschland.

Gelehrte europäischen Formats leisteten dem im Entstehen begriffenen (bayerischen) „Nationalstaat“ unschätzbare Dienste. Der Abensberger Aventin wurde zum (ersten) Historiker des Landes, schilderte in scharfer Charakterisierung die „Art“ der Bayern bildenden Stämme. Er verließ sich nicht auf Geschichten und Legenden; er bestieg sein Pferd, ritt zwei Jahre durch das Land, durchforstete Archive und prüfte Inschriften. So entstand bis 1521 das erste kritische Geschichtswerk, das jemals in Deutschland geschrieben wurde: die Annales ducum Boiariae.

Peter und Philipp Apian

Wichtiger noch waren Philipp Apians „Bayerische Landtafeln“. Der Mathematiker und Geometer bereiste jahrelang mit Winkelmaß und Messlatte selbst die entlegensten Gegenden. Er vermaß und verzeichnete das Land in einem ebenso wissenschaftlich exakten wie künstlerisch anspruchsvollen Werk. So konnte sich Bayern rühmen der erste Staat der Welt zu sein, der über auf genauer trigonometrischer Messung beruhende Karten verfügte.

Philipps Vater Peter Apian war Hofmathematiker Kaiser Karls V. und einer der berühmtesten Mathematiker und Astronomen der Zeit, Schöpfer der Astronomicum Caesareum 1540, eines Wunderwerks der Druckkunst wie der Kenntnis des Himmels und seiner Körper, dargestellt in beweglichen Scheiben, gewissermaßen der Ausgangspunkt einer Schule der Spitzen-Astronomie mit den Jesuiten Christoph Scheiner und Johann Baptist Cysat, die vom Turm der Hl.–Geist–Kirche 1611 die Sonnenflecken entdeckten (worüber Scheiner mit Galileo Galilei in einen Prioritätenstreit geriet).

© Fotos Stadtarchiv Ingolstadt

Peter Apian Holzschnitt
Apian Phillip
Rückblick 328 Jahre Hohe Schule
© Stadtarchiv Ingolstadt

Scheiner war der Prototyp des naturwissenschaftlichen Universalgenies – ein begnadeter Erfinder, etwa des Storchenschnabels, des ersten Vervielfältigungsgeräts der Welt, zur Vergrößerung oder Verkleinerung von Bildern. Bemerkenswert sind seine Studien zur Optik und ein bis heute noch verwendetes Augenoperationsverfahren.

Auf anderer Ebene:

Ohne den (kurzzeitig) nach Ingolstadt berufenen Johannes Reuchlin wären unschätzbare jüdische Kulturgüter verloren gegangen. Eiferer hatten gefordert, alles jüdische Schrifttum einschließlich der Thorarollen zu verbrennen. Der erbitterte Streit fand jedoch seine Verteidiger in Ingolstadt, das zu einem Ausgangspunkt der Hebraistik in Deutschland wurde.

Als die Universität ins Leben gerufen worden war, hatten es die bayerischen Herzöge darauf angelegt, wissenschaftlich geschultes Personal auszubilden, um ihnen bei der „guten Verwaltung“, der Zukunftsentwicklung des Landes zu helfen. Oft waren es die Fürsten, die das Land auf Wandel und künftige Herausforderungen einzustimmen bereit waren (und der hohe Adel, zufrieden in seinen Privilegien eingerichtet, opponierte). Die Universität brachte für die Herzöge dieses qualifizierte Verwaltungspersonal hervor.

Eine Wendung nahm die Universitätsgeschichte mit Martin Luthers Aufbegehren. Sein großer Gegenspieler war der Ingolstädter Johannes Eck, ein beschlagener Theologe, der früh erkannte, dass es Luther nicht einfach um Reformen ging, sondern um einen Angriff auf die überlieferte Struktur der Kirche und ihn mit überlegener dialektischer Gewandtheit und kühler Berechnung in der Leipziger Disputation 1519 zum Bruch mit der alten Kirche trieb.

Es war Eck, der 1520 nach Rom reiste und die Bannandrohungsbulle Papst Leos X. „Exsurge Domine“ zurückbrachte und in Ingolstädter drucken ließ.

Über die auch handfesten gegenseitigen Beleidigungen der ersten Reformationszeit hinaus entstand in jesuitischer Zeit eine Schule der internationalen Spitzentheologie mit – an der Spitze – Gregor von Valencia, dem glänzendsten Theologen nach dem Tridentinum, den man den doctor doctorum nannte, weil er Lehrmeister einer ganzen Generation von Theologen war. Der große Moraltheologe der Zeit war Paul Laymann, dessen Rat von vielen gesucht wurde wie etwa von Kaiser Ferdinand II., der zusammen mit dem späteren Kurfürsten Maximilian in Ingolstadt studierte. Die Hohe Schule wurde zur geistigen Rüstkammer der Gegenreformation.

Die Jesuiten waren auf Wunsch Herzog Wilhelm IV. mit (dem Heiligen) Petrus Canisius an der Spitze an die Universität gekommen. 1555 kam die zweite Welle und bildete die große Ordensniederlassung, die 200 Jahre lang Pflanzschule des Ordens für ganz Deutschland war. Die Zahl herausragender Jesuiten-Professoren ist Legion. Einige wurden in die akademisch-intellektuell überaus fordernde China-Mission entsandt, stiegen in höchste Mandarin-Ränge auf, wurden Direktoren der Kaiserlichen Sternwarte in Peking und politische Schwergewichte der chinesischen Administration, wie Kaspar Castner oder Ignaz Kögler. Aus den Missionsgebieten des Ordens bezog Ferdinand Orban einen Teil der Exponate seines „Museums“, das die große Attraktion der Universität war und Besucher aus ganz Europa anzog. Zu sehen waren völker- und naturkundliche Objekte, mathematisch-physikalische Instrumente, Waffen, Bücher – und die Hirnschale Oliver Cromwells, ferner 125 Gemälde: Rembrandt, Dürer, Rubens, Tizian und Michelangelo.

Literatur wurde in der Universität vielfältig gepflegt und gefördert. Celtis natürlich, sein Schüler Locher, auch Vitus Jacobaeus waren kaiserlich gekrönte Dichter – Vorform des Literatur-Nobelpreises. Das Jesuitentheater – ohne das deutsche Theatergeschichte nicht denkbar wäre – wurde hochklassig mit den drei Jakobs – Gretser, Balde, Bidermann – entwickelt: eine eindrucksvolle Bühne zur Verkündung des Glaubens.

Rückblick 328 Jahre Hohe Schule
© Stadtarchiv Ingolstadt

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war das Niveau der Universität deutlich zurückgegangen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war das Niveau der Universität deutlich zurückgegangen.

Es gab zwar einige (über Bayern hinaus) bekannte Juristen, die Theologen aber hatten sich in einem unzeitgemäß fortwirkenden gegenreformatorischen Diskurs von der Entwicklung abgekoppelt. Das galt auch für die „profanen Wissenschaften“ – erst 1752 durften sich Professoren (offiziell) Werke nicht-katholischer Autoren besorgen und im Vorlesungsbetrieb verwenden.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts setzte in Ingolstadt mit Johann Adam Freiherr von Ickstatt ein neues Wissenschaftsverständnis ein, gewissermaßen ein Ausbruch aus dem selbstverordneten „geistigen Ghetto“.
Allerdings gingen die Eiferer unter den Adepten Ickstatts gelegentlich zu weit –

und letztendlich führten ihre Positionen dazu, dass Ingolstadt die Universität verlor.

Schon zuvor hatten die Mediziner (noch unter Kurfürst Max Emanuel) sich ein naturwissenschaftliches Institut errichtet: die 1723 – 1735 entstandene Alte Anatomie mit großem medizinischem Amphitheater, aber auch Übungsräumen für Chemie und Physik – ein Institut samt botanischem Garten, das in Deutschland nicht seines gleichen hatte.

Die zu überschreitende Schwelle war das Wagnis, von der papierenen Debatte zum Experiment am lebenden Objekt überzugehen. Experimentalunterricht und Lehrsammlungen trugen zu (mehr) praxisorientierter, naturwissenschaftlicher Forschung bei; Heinrich Palmatius von Leveling – Chirurg und Lehrer der Anatomie – führte (1784) im Ingolstädter Militärspital die erste bayerische „Klinik“, in der Studenten tatsächlich ans Krankenbett geführt wurden. Sein Schüler Anton Joseph Will wurde zum Begründer der Veterinärmedizin in Bayern. Es entstanden Lehrstühle für Agronomie, Land- und Forstwirtschaft. Wobei man sich auch um Bergbaukunde, Pflanzenkunde und Städtebau kümmerte: eine neue Phase der Vorstellung der Wissenschaft als Hilfe zur Landesentwicklung.

In diese Zeit fällt die gesondert zu betrachtende Gründung (1776) des akademischen Geheimbunds der Illuminaten (durch Kirchenrechtsprofessor Adam Weishaupt, ein Patenkind des Universitäts-Direktors Ickstatt, soviel nur zum Nepotismus der „Aufklärer“). Auf diese Zeit zurückschauend entsteht der Roman der englischen Schriftstellerin Mary Shelley (1818) „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, die Ingolstadt zum Ort wählte, an dem der Student Victor Frankenstein seine „Kreatur“ zum Leben erweckt. So viel zur literarischen Fiktion.

Fotos: © Ulli Rössle, Stadt Ingolstadt

Tatsache ist:

Die Universität Ingolstadt war in vollen Zügen dabei, sich neu aufzustellen, wie der Aufklärer Johannes Pezzl feststellt. Vieles sei getan worden, die Universität zu verbessern; es seien „für einige Zweige der juristischen und medizinischen Forschung neue Lehrstühle errichtet, neue Lehrer für Sprachen und Leibesübungen angestellt worden“. Auch die Professorenschaft sei geeignet und bemüht. Der Hauptfehler stecke darin, dass es für die Universität als Umfeld keinen Hof, keinen Adel, keine Lebensart, kurz: keinen Stil gebe.

Den wahren Grund für die Abhalfterung Ingolstadts lieferte der aufklärerische Eiferer Professor Nikolaus von Gönner: Nicht alle hier, schreibt er, seien „Freunde des Lichts“ – will heißen, der Aufklärung. Zu leicht könne in Ingolstadt der „Obskurantismus“ wieder die Oberhand gewinnen. Welch ein „aufgeklärter“ Professor.

So verlegte man die Universität 1800 nach Landshut und schließlich von dort 1826 weiter nach München, wo sie zur heutigen Ludwig-Maximilians-Universität heranwuchs. 328 Jahre war Ingolstadt das universitäre Zentrum Bayerns gewesen. München wird bis zum Jahr 2156 warten müssen, um die vergleichbare Zahl an Universitätsjahren aufweisen zu können.